Väter in Elternzeit

Aktive Vaterschaft ist ein Gewinn

Von Michael Gneuss und Jens Bartels · 2018

Immer mehr Väter in der Bundesrepublik möchten intensiv am Familienleben teilnehmen. Dieser Wandel der Vaterrolle kommt allen Beteiligten zugute. Entsprechend wichtig sind Unterstützungsangebote wie das Elterngeld. Allerdings existiert offenbar immer noch eine Kluft zwischen dem gesellschaftlich geäußerten Anspruch des neuen familienfreundlichen Papas und der Realität.

Ein Vater spielt mit seinem kleinen Sohn. Thema: Väter in Elternzeit

Das „Papasein“ verändert sich in Deutschland. Väter wickeln heutzutage ihre Kinder nach der Arbeit, verbringen den ganzen Vormittag beim Baby-Schwimmkurs oder erklären den schulpflichtigen Kindern den Zahlenraum. Immer häufiger macht das Schlagwort „Papa 2.0“ die Runde. Eine neu gelebte, aktive Vaterschaft gilt laut der International Labour Organization (ILO) sogar als eine der wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen des 21. Jahrhunderts. Umfragen bestätigen den Eindruck, dass der moderne Papa sich mehr für Familie und Kinder engagieren möchte. Das beginnt schon in der Schwangerschaft und bei der Geburt. Laut einer WDR-Studie sind mittlerweile 86 Prozent der Väter in Nordrhein-Westfalen unmittelbar bei der Geburt dabei. 62 Prozent begleiten ihre Partnerin zum Schwangerschaftskurs. 

Wie sich der Wandel im Selbstverständnis der heutigen Väter auch nach der Geburt fortsetzt, beschreibt der aktuelle Väterreport des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Waren sie früher noch hauptsächlich Familienernährer, sagen heute rund 70 Prozent der Papas, dass sie im Vergleich zur vorherigen Generation mehr an Erziehung und Betreuung der Kinder beteiligt sind. Sie bewerten das als persönlichen Gewinn. Zugleich äußern fast 60 Prozent der Väter mit Kindern unter sechs Jahren den Wunsch, mindestens die Hälfte der Kinderbetreuung zu übernehmen. Zugleich sind insbesondere bei jüngeren Vätern partnerschaftliche Einstellungen weit verbreitet. Immerhin 60 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren fänden es perfekt, wenn sich beide Partner gleichermaßen in Beruf und Familie einbrächten. Andererseits ist in der Wirklichkeit die Papa-2.0-Rolle oft ein Wunschdenken. Denn nicht mehr als 14 Prozent der Eltern verwirklichen tatsächlich ein partnerschaftliches Modell.

Intensiver Kontakt wichtig

Dabei sind Väter für die Entwicklung ihrer Kinder von herausragender Bedeutung. Neben einer engen Bindung sind positive Effekte, etwa auf die kog­nitive, soziale und emotionale Entwicklung der Kinder wissenschaftlich nachgewiesen. Ein Beispiel dafür liefert die Studie der Concordia University in Montreal, deren Ergebnisse das „Canadian Journal of Behaviour Science“ veröffentlichte. Ist der Papa in der frühen Kindheit und vor der Pubertät im Alltag präsent, zeigen die befragten Kinder weniger Verhaltensprobleme und zugleich eine höhere Intelligenz. Das Ergebnis gilt unabhängig von der sozialen Herkunft. Kinder erleben die Vielfalt an unterschiedlichen Einflüssen, Kompetenzen und Rollenvorbildern übrigens gerade dann als vorteilhaft, wenn beide Eltern im Alltag stark präsent sind. Wenn Väter einen intensiven Kontakt mit ihren Kindern haben, lassen sich auch viel leichter Rollenklischees überwinden. Natürlich können Vater und Sohn gemeinsame Hobbys wie Fußballspielen pflegen, aber auch genauso zusammen eine leckere Mahlzeit kochen oder die Wohnung putzen.

Väter in Elternzeit: Elterngeld-Nachfrage wächst

Demzufolge entsprechen Angebote wie das Elterngeld dem Zeitgeist. Seit über zehn Jahren erhalten Familien für 14 Monate das Elterngeld nur dann, wenn sich auch der Vater für mindestens zwei Monate für den Nachwuchs Zeit nimmt. Dank des Elterngeldes nimmt heute ungefähr jeder dritte Vater eine Elternzeit, er verringert also seine Arbeitszeit oder unterbricht die Erwerbstätigkeit. Die aktuellen Zahlen: Im Jahr 2017 haben 1,35 Millionen Mütter und 410.000 Väter Elterngeld bezogen. Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, waren das insgesamt sieben Prozent mehr Personen als im Jahr 2016. Während die Anzahl der Mütter mit Elterngeld um sechs Prozent zunahm, stieg die Zahl der Elterngeld beziehenden Väter um gut elf Prozent. 

Trotzdem verzichtet nach Zahlen des Instituts für Demoskopie Allensbach noch immer fast jeder fünfte Vater in Deutschland auf das Angebot der Elternzeit. Als Hauptgründe nennen die Befragten Angst vor Einkommensverlusten, die Angst vor beruflichen Nachteilen und Befürchtungen von organisatorischen Problemen im Betrieb. Allerdings konnten in der Praxis längerfristige berufliche Nachteile nicht nachgewiesen werden.

Grafik mit Umfrage: Haben Sie Elternzeit genommen oder werden Sie Elternzeit nehmen? Quelle: Statista, 2017
Quelle: Statista, 2017

Flexiblere Regelungen

Für Geburten ab dem 1. Juli 2015 sind die Regelungen noch einmal flexibler geworden. Mütter und Väter können nun 24 statt bisher zwölf Monate Elternzeit auf den Zeitraum zwischen dem dritten Geburtstag und der Vollendung des achten Lebensjahres des Kindes übertragen. Eine Zustimmung des Arbeitgebers ist nicht mehr erforderlich. Zugleich besteht die Möglichkeit, zwischen dem Bezug von Basiselterngeld (bisheriges Elterngeld) und dem Bezug von Elterngeld Plus zu wählen oder beides zu kombinieren. Das Elterngeld Plus fällt in der Regel niedriger aus, wird dafür aber erheblich länger gezahlt. Aktuelle Zahlen für das zweite Quartal 2018 des Statistischen Bundesamtes zeigen: Insbesondere Frauen nutzten das Elterngeld Plus. Mit 33,6 Prozent plante gut jede dritte Mutter in Deutschland das Elterngeld Plus ein. Dem gegenüber beantragten deutschlandweit aber nur 17 Prozent der Väter Elterngeld Plus.

Wohlbefinden steigt

Klar ist: Eine aktive Vaterschaft ist in vielerlei Hinsicht ein Gewinn. Zum einen gilt dies beim Blick auf die Familie. So berichten etwa aktive Väter, die Elternzeit in Anspruch genommen haben, von einer Steigerung des eigenen Wohlbefindens und der eigenen Zufriedenheit sowie dem Erwerb neuer Familienkompetenzen. Davon profitieren auch automatisch die Mütter, denn aktive Väter sind oft starke und verlässliche Partner, die in der Regel auch die berufliche Entwicklung ihrer Partnerin nachhaltig unterstützen. 

Für Unternehmen sind übrigens die familiär aktiven Papas ebenfalls kein Nachteil. Nach der Umsetzung von Maßnahmen, die auch den Vätern zugutekommen, sind oft eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit, geringe Fehlzeiten und eine höhere Mitarbeiterproduktivität zu beobachten.

Zwiespalt auflösen

Dennoch gibt es offenbar immer noch eine Kluft zwischen dem gesellschaftlich geäußerten Anspruch, was modernes Vatersein bedeutet, und dem Versuch der Väter, ihr Leben auf ihre Weise zu gestalten. Der Zwiespalt, berufstätigen Mütter bestens vertraut, beschäftigt jetzt zunehmend auch die Männer: Wie reagieren die Kollegen, wenn ich wegen meines kranken Kindes einen wichtigen Geschäftstermin ausfallen lasse? Gehe ich zum gemeinsamen Singen in die Kita statt in die Firma zu einer Präsentation? In ländlichen Regionen werden Eltern in solchen Situationen oft von guten Familiennetzwerken unterstützt. Auch in größeren Städten entstehen zunehmend Angebote, die modernen Vätern Orientierung geben. Positiv sind solche Initiativen, die zur Definition des „Papas 2.0“ führen, in jedem Fall – damit er selbst zufriedener ist und die ganze Familie mehr von ihm hat.

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